Warum wir das Smartphone so lieben
Ich geb’s ja zu: Auch bei mir liegt das Smartphone meistens in Griffweite.
Das Kasterl kann gefühlt alles: Bank, Telefon, Fernseher, Fotoapparat, Landkarte, Kinokassa, Bibliothek, Boutique, Wecker, Kalender, Taschenrechner, CD-Player, Armbanduhr, Einkaufszettel, Schrittzähler, Wetterbericht, Kompass, Postkastl … und mittlerweile sogar Haustür- und Autoschlüssel.
Ein einziges Gerät, das früher zwanzig Gegenstände und mindestens drei Wege aus dem Haus gebraucht hat.
Kein Wunder also, dass wir in Österreich alle so daran hängen. Das Ding ist schlicht praktisch. Und Bequemlichkeit ist eine mächtige Droge und liefert gratis einiges dazu.
Vom Bankschalter zur Bank-App
Früher: Anstellen an der Kassa, Erlagschein ausfüllen, ein Plaudern mit der Bankangestellten.
Heute: Online-Banking in zwanzig Sekunden, während du in der U-Bahn sitzt.
Das ist schneller, keine Frage. Aber auch: kein Plaudern mehr.
Und solche kleinen, unwichtig wirkenden Alltagsbegegnungen sind es, die sich im Laufe eines Jahres zu echtem sozialem Kontakt summieren …
Fernsehabend war früher ein Termin
Früher haben wir uns vor den Fernsehapparat gesetzt. Zu einer bestimmten Zeit, mit der Familie, mit Erwartung. Mit meinen Söhnen hab ich noch Heim-Kino-Abend veranstaktet, mit Popcorn, Sportgummi und picksüßen Soft-Drinks.
Heute wischt du dich durch Netflix-Serien und Reels auf einem wenige Quadratzentimer großen Display, während nebenbei drei andere Dinge laufen.
Das eine war ein Ritual.
Das andere ist Dauerbeschallung.
Ich hab mir den Spaß gemacht und ein paar Dinge aufgelistet, die unseraller Smartphone so kann (falls dir noch etwas einfällt, freu ich mich über deinen Input per Kommentar oder Mail!)
Früher – Heute in Österreich
💵 Geld einzahlen/abheben: Bankfiliale – Online-Banking am Smartphone
☎️ Telefonieren: Festnetz – Smartphone
📺 Fernsehen: Fernsehapparat – Streaming-App am Smartphone
📸 Fotografieren: Fotoapparat – Smartphone-Kamera
🗺️ Adresse suchen: Stadtplan – Google Maps am Smartphone
🎫 Konzertticket: Papier – Online-Ticket am Smartphone
📚 Nachschlagen: Bibliothek – Google, Wikipedia & KI am Smartphone
⏰ Aufwachen: Wecker – Smartphone
🗓️ Termine: Kalender – Kalender-App am Smartphone
🧮 Rechnen: Taschenrechner – Smartphone
💿 Musik hören: Kassette oder CD – Streaming am Smartphone
⌚ Uhrzeit: Armbanduhr – Smartphone
📝 Einkaufszettel: Zettel – App am Smartphone
🏃♀️ Schritte zählen: Fitnessarmband – Smartphone
🌦️ Wetter: Radio oder Fernsehen – Wetter-App am Smartphone
🧭 Orientieren: Kompass – Navigation am Smartphone
✉️ Nachricht schreiben: Brief – WhatsApp/Mail am Smartphone
🔑 Aufsperren: Schlüssel – Smartphone
📰 Zeitung lesen: Zeitung – News-App am Smartphone
Stille Verluste: Karten lesen, sich verlaufen dürfen
Apps wie Google Maps sind ein Segen, keine Frage – wer will sich schon mit einem Stadtplan im Regen durch die Gassen kämpfen?
Gemeinsam mit der Landkarte (und eventuell Kompass) ist allerdings auch anderes verschwunden: Das Vertrauen ins eigene Orientierungsvermögen. Das Entdecken von versteckten Orten. Das „Menschen nach dem Weg fragen“.
Wer sich früher verlaufen hat, hat sich durchgefragt, ein Gespräch geführt, vielleicht eine Abkürzung entdeckt, die kein Algorithmus kennt. Heute biegen wir einfach dorthin ab, wohin die Stimme aus dem Lautsprecher befiehlt.
Der größte Umbruch: Wie wir miteinander sind
Das ist der Punkt, an dem es persönlich wird und an dem die Nebenwirkungen ins Spiel kommen.
- 📱 Wir unterbrechen Gespräche, um Nachrichten zu lesen
- 📱 Wir fotografieren den Moment und erleben ihn manchmal erst danach
- 📱 Wir schauen kurz etwas nach und landen 20 Minuten später irgendwo im digitalen Nirgendwo
- 📱 Wir langweilen uns kaum noch – und verpassen dadurch vielleicht sogar die eine oder andere gute Idee, die aus Langeweile entstehen würde
- 📱 Wir wissen, wo alle anderen gerade sind, und sind dabei manchmal weniger bei den Menschen, die tatsächlich neben uns sitzen
Miteinander reden, miteinander spielen, gemeinsam etwas unternehmen – das ist zunehmend Social Media auf dem Handy gewichen und vermutlich die eigentliche Herausforderung unserer Smartphone-Zeit:
Das Gerät für all das zu nutzen, was es uns abnimmt – und trotzdem genug Zeit für all das zu behalten, was es uns niemals geben kann.
Denn Zeit lässt sich hervorragend mit Apps organisieren. Erleben müssen/dürfen/sollen wir sie allerdings noch selbst.
Vielleicht ist das auch ein guter Anlass, einmal über die eigene Zeit nachzudenken. Wo verschwindet sie? Was bekommt deine Aufmerksamkeit? Und welchen Menschen, Dingen und Erlebnissen möchtest du künftig wieder ein bisschen mehr Zeit widmen?
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